Cyberpunk 2 (Project Orion): Entwicklungsstand, personelle Struktur und strategische Neuausrichtung bei CD Projekt Red

Autor: Sebastian Lindner
Zuletzt aktualisiert: 18.10.2026

Nach dem schwierigen Launch von Cyberpunk 2077 und dem anschließenden Turnaround durch die Erweiterung Phantom Liberty arbeitet CD Projekt Red intensiv an der Fortsetzung, intern als „Project Orion“ und öffentlich als Cyberpunk 2 bekannt. Das Projekt steht im Zentrum einer umfassenden strategischen Neuausrichtung: ein Wechsel zur Unreal Engine 5, der Aufbau eines nordamerikanischen Studio-Hubs in Boston und Vancouver sowie die Einführung einer zweiten Metropole neben Night City. Alle diese Maßnahmen sollen die Lehren aus der Vorgänger-Ära nutzen und CD Projekt Red als AAA-Entwickler auf ein neues Level heben.

Kulturelle Authentizität durch Boston- und Vancouver-Studios

Die Verlagerung der Hauptentwicklung nach Boston und Vancouver ist kein reiner Logistik-Schachzug, sondern eine bewusste Kurskorrektur im Worldbuilding. In einem von CD Projekt Red veröffentlichten Podcast erklärten Associate Game Director Paweł Sasko und Executive Producer Dan Hernberg (2024), dass viele städtische Details in Cyberpunk 2077 – von Kanaldeckeln über Bürgersteige bis zu Straßenlaternen – unwissentlich europäische Prägungen aufwiesen. Durch ein US-basiertes Kernteam soll das Setting von Cyberpunk 2 eine organischere US-Metropolen-Atmosphäre erhalten.

  • Teamgröße im nordamerikanischen Hub: über 180 Entwickler (Stand 2026)
  • Studios in Boston und Vancouver bündeln weltweites AAA-Talent
  • Fokus auf kulturelle Authentizität statt reiner Organisationsoptimierung

Komplett neues Studio statt Warschauer Alleingang

Während das polnische Hauptquartier mit The Witcher 4 ausgelastet ist, übernehmen die nordamerikanischen Studios die Weiterentwicklung von Cyberpunk. Dieser Ansatz soll die Risiken früherer, rein zentralisierter Produktionen mindern und gleichzeitig frische Perspektiven auf das Cyberpunk-Universum einbringen.

Engine-Wechsel zu Unreal Engine 5 – Chancen und technische Hürden

Der Wechsel von der hauseigenen REDengine zur Unreal Engine 5 ist ein zentraler Baustein der neuen Entwicklungsstrategie. Die REDengine verschlang bisher erhebliche Ressourcen für Wartung und Tool-Entwicklung. Durch die Partnerschaft mit Epic Games kann CD Projekt Red bewährte Branchenstandards nutzen und Entwickler weltweit schneller einarbeiten.

  • UE5 ermöglicht fortschrittliches Open-World-Streaming dank Nanite- und Lumen-Technologien
  • Herausforderung: Anpassungen an Nanite und Lumen, um dichte vertikale Städte ohne Shader-Kompilierungs-Ruckler darzustellen
  • Risiko: Notwendigkeit umfangreicher Engine-Spezifischer Adaptierungen in Zusammenarbeit mit Epic Games

Personelle Verstärkung: Schlüsselkräfte aus westlichen AAA-Studios

Zur Sicherstellung einer hohen kreativen Qualität hat CD Projekt Red das Kernteam um erfahrene Fachleute aus etablierten AAA-Studios erweitert. Die Personalien im Überblick:

  • Gabriel Amatangelo – Game Director
  • Paweł Sasko – Associate Director (zuvor Associate Game Director bei Phantom Liberty)
  • Dan Hernberg – Executive Producer (ehemals bei Blizzard, Amazon Games, New World)
  • Ryan Barnard – Design Director (vormals Massive Entertainment, IO Interactive)
  • Anna Megill – Lead Writer (Control, Fable)
  • Alexander Freed – Autor (Star Wars-Projekte)

Mindestens fünf Senior-Leadership-Neuzugänge mit Vorerfahrung bei Titeln wie New World, Control, Hitman und Star Wars wurden 2024 angekündigt.

Transmediale Expansion: Live-Action-Projekt und weitere Medien

Neben der Spieleentwicklung stärkt CD Projekt Red das Cyberpunk-Franchise durch eine Live-Action-Partnerschaft. Im Oktober 2023 kündigte das Studio eine Zusammenarbeit mit Anonymous Content (Bekannt für True Detective und Mr. Robot ) an, um das Universum im Film- und Serienformat zu etablieren.

  • Verkaufte Einheiten von Phantom Liberty: über 10 Millionen (2025)
  • Die Live-Action-Initiative bestätigt, dass das Cyberpunk-Universum bis zum Release von Cyberpunk 2 multimedial präsent bleibt

Zweite Metropole und Multiplayer-Pläne

Mike Pondsmith, Schöpfer des ursprünglichen Pen-&-Paper-Settings, wies im Mai 2025 auf einer Digital-Dragons-Konferenz darauf hin, dass Cyberpunk 2 neben Night City eine zweite große Stadt enthalten wird. Er beschrieb diese als „less Bladerunner“ und „Chicago gone wrong“, womit ein rauerer, urbaner Verfall im Kontrast zur neongetriebenen Night City gemeint ist.

Parallel dazu deuten offene Stellenanzeigen von September 2025 auf geplante Online-Features hin. Ein Lead Network Engineer soll skalierbare Netzwerk-Architekturen entwickeln, die latenzarme, performante Multiplayer-Erlebnisse ermöglichen. Gerüchte über eine FiveM-ähnliche Plattform mit User-Generated Content wurden ebenfalls verbreitet, bleiben jedoch ungeprüft.

Entwicklungs-Timeline und realistischer Release-Ausblick

Die wichtigsten Meilensteine im Überblick:

  • 4. Oktober 2022: Ankündigung von Project Orion (Strategie-Update)
  • Mai 2025: Übergang in die Vorproduktion, Umbenennung zu „Cyberpunk 2“
  • Q3 2025: 135 Entwickler arbeiten an Cyberpunk 2 (vgl. CD Projekt Investor-Relations-Report)
  • 2026: Teamgröße in Boston/Vancouver über 180 Entwickler
  • Ende 2020er Jahre: Offiziell keine Veröffentlichung vor 2028, realistische Schätzung 2029-2030

Der Großteil der Ressourcen ist derzeit auf The Witcher 4 konzentriert, was die Produktionsdauer von Cyberpunk 2 weiter beeinflusst.

Risiken und Gegenmaßnahmen

Obwohl die neue Struktur viele Vorteile bietet, gibt es auch potenzielle Stolpersteine:

  • Technische Herausforderungen der UE5 im Großstadt-Streaming (Nanite, Lumen, Datenengpässe)
  • Transatlantische Co-Entwicklung birgt Kommunikations- und Kultur-Risiken zwischen Boston, Vancouver und Warschau

CD Projekt Red adressiert diese Punkte durch enge Zusammenarbeit mit Epic Games und durch die Einrichtung eines erfahrenen Führungsteams, das bereits in internationalen Produktionen bewährt ist.

Fazit

Cyberpunk 2 (Project Orion) steht an einem entscheidenden Wendepunkt für CD Projekt Red. Der Wechsel zur Unreal Engine 5, die Verlagerung nach Boston und Vancouver und die gezielte Anstellung von AAA-Veteranen sollen die technischen und kreativen Defizite des Vorgängers ausbügeln. Gleichzeitig erweitern die geplante zweite Stadt und mögliche Multiplayer-Komponenten das Spielkonzept, während die Live-Action-Partnerschaft die Marke über das Spielmedium hinaus stärkt. Trotz erheblicher technischer und organisatorischer Risiken – insbesondere im Bereich des City-Streamings und der transatlantischen Zusammenarbeit – zeigen die vorhandenen Zahlen und Personalentscheidungen, dass CD Projekt Red systematisch an einer robusten, kulturell authentischen und technisch zukunftssicheren Fortsetzung arbeitet. Sollte das Studio den Zeitplan einhalten, könnten Fans Ende dieses Jahrzehnts ein ambitioniertes, narrativ tiefgehendes Open-World-Erlebnis erwarten, das den Fehlstart von 2020 endgültig hinter sich lässt.

Sebastian Lindner

Sebastian ist passionierter Gamer, begeisterter Spielejournalist und erfahrener Online-Redakteur. Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung in der Gaming-Branche kennt er sich bestens aus mit aktuellen Trends, spannenden Innovationen und den großen Klassikern der Online-Spielwelt. Sebastian liebt es, seine Leser mit fundierten Artikeln, präzisen Analysen und unterhaltsamen Geschichten rund um das Thema Online-Gaming zu begeistern. Seine besondere Stärke liegt darin, komplexe Sachverhalte verständlich aufzubereiten und seine Leser immer wieder aufs Neue für die Welt der Spiele zu begeistern.